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(...) Von der Diele kurvt eine halbmondige Treppe in den Keller. Die Wände sind mit Vortragsplakaten tapeziert, sie dokumentieren im Vorbeigehen die Ambulanz des Vielgereisten. Am Treppenabsatz ein dicker Teppich (störender Geräusche wegen) and drei Türen. Eine geht in den Heizungsraum, eine in den Weinkeller; der nur eine »künstliche« , will sagen: gemauerte, Wand hat, die andere ist Erdreich, betonfester Lehmboden, das soll dem Wein gut bekommen; pfleglich assortierte Regale verdeutlichen aufs angenehmste Kennerschaft and Ordnungsliebe des Besitzers.
Die dritte Tür öffnet den Raum zu des Fleißigen eigenem, ureigenstem Reich. Der Keller - sein Büro.
Das Büro - 10,50 m lang, 5,50 m breit, 1,85 m hoch - hat rechter Hand ein Regal »Fotomaterial«. Da sind sieben Topkameras abgelegt, dazu eine 8-mm- und eine 16-mm Filmkamera; in Einzelfächern das zugehörige unbelichtete Material, drunter die passenden Taschen, in denen die Technik mit einem Griff unterzubringen ist. Anschließend, unterm Fenster, eine kleine Sitzgruppe, zwei Sessel mit bäuerlichem Bezug, ein Eichentisch mit bunter Keramik, dahinter zwei Wände, die ich die » Hausapotheke« nenne: Dänikens Archiv.
Wenn ich von seiner Fachbibliothek mit der Einschrän kung sprach, daß sie -vermutlich- ihresgleichen suche, so habe ich die Stirn, zu behaupten, daß es ein Kosmonautenarchiv dieses Umfangs mit dieser Präzision nicht ein zweites Mal gibt. Modernste Archivschränke, jeder mit 20 Schüben in der Höhe, sechs in der Breite, jeder Schub mit Buchstabenschildern und farbigen Ziffern, acht solcher Schränke über Eck nebeneinander. Dazu ein fahrbarer Set, in dem Archivkarten mit rund 10.000 Stichworten stecken. Der Zugriff ist nach Themen, Autorennamen und Daten möglich, alle Stichworte in der beneidenswert klaren Druckschrift von Dänikens Sekretär Willy Dünnenberger, der laufend Dänikens Zulieferungen ordnet. Bei der Arbeit mit diesem Archiv gibt's keine enttäuschenden Überraschungen: man findet, was man braucht. Ein Leben lang auf den Umgang mit Archiven aller Art getrimmt, kann ich sagen, daß ich kein besser geordnetes, praktikableres kenne.
Das liegt fraglos daran, daß Däniken ein stupend versierter Organisator ist, seiner Zeit, seiner Termine, seiner Reisen and -last, but not least- seiner Arbeit. Am 2. Januar eines Jahres sagt er nach einem Blick in seine Agenda, wo er am 17. Oktober sein und was er dann tun wird. Nach meiner Kenntnis ist er, von jedem Kalendertag ab gerechnet, 18 Monate im Voraus ausgebucht. Das hat er - mit seiner großen Musikalität - mit den international gefragten Opernsängern gemeinsam, den ausgefüllten Terminkatalog, die Reisen (allerdings nicht nur, bei weitem nicht, in die zivilisierten Hotelburgen der großen Städte), die weltweite Prominenz.
Bei aller Bürosachlichkeit läßt auch dieser Raum etwas von dem pfiffigen Humor des berühmtesten Schweizers der Gegenwart spüren: da kleben an Regalstangen Tickets von Flugplätzen (wo war er nicht?), Fahrscheine von Omnibussen, Eisenbahnfahrkarten, Billetts zu Museen, kuriose Belege aller Art, sofern sie bunt sind.
Ab etwa 10 Uhr abends sitzt Däniken hier, ungestört, bei konzentrierter Arbeit. Was er da Nacht für Nacht wegschafft oder zutage fördert, ist verblüffend und nur zu verstehen, wenn man beobachtet hat, wie er die Außenwelt abschalten kann, um ganz in seine monomane Welt einzutauchen. Er ist ein Besessener, einer, der es wissen will, einer, der seine Stunden und Tage rationell vergibt, weil er nicht mag, wenn ihm die Zeit durch die Finger rinnt. Er hat noch so viel vor, strebt Ziele an, die oft noch im Nebel liegen, eines Tages Konturen gewinnen, wie Blinkfeuer aufleuchten, und dann ist der VIP (der er bei allen Fluggesellschaften ist) auch schon auf dem Flughafen Kloten. Mit Kameras, kleinem Koffer, leichtestem Gepäck, doch einem kompakten Vorsatz hinter der Stirn. "Am liebsten schreibe ich über Dinge, die ich fotografiert, die ich angefaßt habe, die ich in ihrer Umgebung sah." - Vielleicht erklärt dieser spontane Eifer, warum er Kollegen, die ihren Pflug durch gleiche oder ähnliche Äcker ziehen, so weit vorausgeeilt ist.
Däniken ist viel, meistens über die Hälfte des Jahres, auf Reisen. Mir ist es immer rätselhaft, was er trotzdem alles gelesen hat und
Dänikens Erstling "Erinnerungen an die Zukunft" entstand in einem Holzverschlag hinter dem Hotel Rosenhügel in Davos, der Nachfolger "Zurück zu den Sternen" in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses Sennhof in Chur. Im Kellerbüro in Bonstetten wurden "Aussaat und Kosmos" und "Erscheinungen" geschrieben, der Bildband "Meine Welt in Bildern" aus Hunderten von Bildern gefiltert, ausgewählt, getextet, der Auswahlband (von mir besorgt) "Besucher aus dem Kosmos" abgesegnet.
Hier im Kellerbüro reift langsam der Plan zu dem Buch, dass er 1977 auf den Weltmarkt bringen will. Für Vorbereitung und Durchführung dieses Projekts investiert er ein kleines Vermögen, runde 120 000 Franken. Wenn ich immer wieder lese, daß Däniken über große Reichtümer verfüge, wünschte ich von Herzen, daß es so wäre. Aber seine Investitionen lassen ihn nur gutbürgerlich-wohlhabend, nie "reich" werden. Reich zu werden, das ist für ihn auch kein Ziel. Er will seinen Vorstellungen mit "Beweisen" näher kommen. Deshalb ist es gut, nicht auf die Stutzlis (Franken) sehen zu müssen.
Er selbst hat keine Wünsche, ich habe bisher keine entdeckt. Dem Bestsellerautor und Regenbogenpressemillionär ist Luxus verhaßt, er kleidet sich, wenn er sich (was selten passiert) stadtfein macht, wie ein Bankkaufmann an der Bahnhofstraße wochentäglich ins Büro geht. Er besitzt, Hand drauf, keinen Mantel, er könnte sich ein Dutzend leisten, aber: er vergißt Mäntel irgendwo, 1äßt sie in Lokalen hängen (und ist schon an einem andern Ort, wenn er's merkt) oder er verschenkt sie, wenn ihm (nordamerikanische Großstädte und südamerikanische Slums sind das richtige Pflaster dafür) ein armer Teufel über den Weg läuft.
Er bestreitet dieses karitative Striptease, ich weiß aber von Leuten, die dabei warm, daß es so ist. Der Mann, der aus diesem Kellerbüro zu Vorträgen an US-Universitäten startet, überm Teich in beliebten TV-Shows gefragter Gast ist, in Urwäldern auf die Pirsch nach Trophäen für seine Thesen geht, Ausgrabungen beobachtet, Seltsamkeiten auf unserer schrundigen Erdoberfläche mit seinen Fragen zu endlich bemerkten Rätseln macht, dieser Mann war eigentlich für einen anderen Lebensweg präpariert. Nach Umwegen hat er eine Spur aufgenommen, die er ohne Zickzack verfolgt.
Es liegt am verdrehten Lebensrhythmus des EvD, ein Kürzel, das sich weltweit einführte und das an seinem Schreibtisch entstand: EvD. Warum den Namen ausschreiben? Kostet nur Zeit, es liegt, wollte ich sagen, am verdrehten Lebensrhythmus, daß man bei der Schilderung der zwölf hellen Stunden des Tages zum Eindruck kommen kann, in diesem Kellerbüro würde wenig gearbeitet. Das grand lever gegen Mittag, Besucher am Nachmittag, Interviewer, Reportagen für den Funk, Aufnahmen fürs Fernsehen, es kann geschehen, daß sich die Konkurrenz die Türklinke in die Hand gibt. Er kann halt nicht "nein" sagen. Dann: Diktate aufs Magnetband zum täglich abgearbeiteten Poststapel, Dispute am Abend.
Dieser seltsame 40jährige Mann arbeitet nur nachts. So ab zehn, bis die Sonne aufgeht. Da kommen keine Anrufe, mindestens nur selten, und dann nur aus Ländern -Australien, Kanada, USA-, in denen während der Schweizer Nacht Tag ist. Da hat uns mal ein Anruf aus Montreal, wir arbeiteten am Layout für den Bildband, den Rest der Nacht gekostet: der Rundfunk in Montreal hatte eine Diskussion, in die hinein Hörer per Telefonanruf Fragen stellen konnten, an wen sie wollten, und sie wollten Däniken. Die Telefonleitung war auf Sendung geschaltet, Däniken hörte die z. T. englischen, z.T. französischen Fragen und beantwortete sie vom Kellerbüro aus. Fast zwei Stunden dauerte das Telefonat, und die Sendung wäre weitergegangen, wenn in Montreal nicht auch Sendezeiten mitten im schönsten Fluß ein Ende setzen würden.
Däniken arbeitet an einem großen, übersichtlichen Schreibtisch, sitzt auf einem Drehstuhl, der ihn, nach Bedarf, in die richtige Position bringt, um das Mikrophon des Diktiergeräts ergreifen zu können. (Briefe werden postwendend derart beantwortet, die mehrsprachige Sekretärin, Frau Grossmann, nimmt die Texte vom Band.) Mit einer 45-Grad-Wende dreht er sich an die IBM, in die er sich Merkzettel nach Quellenstudium, Beobachtungen tippt, Fragen und Hinweise für weitere Recherchen als Gedächtnisstüzen festhält. (Ein Maitre de salle, bei dem er im »Ascot« in Zürich die ersten Schritte in gastronomische Bereiche tat, hatte ihm geraten: »Entweder alles notieren oder nichts notieren.« Er hat sich dafür entschieden, alles zu notieren.) - Mit einem 180-Grad-Schwenk, nunmehr mit dem Rücken zum Schreibtisch, sitzt er an einem IBM-Automaten, dem gibt er Texte, die der Apparat auf Band nimmt, ein, die er in mehrfacher Ausführung braucht. Mit einer Karussellfahrt des Stuhls sitzt er wieder am Schreibtisch, hinter ihm tickert der Automat, meistens Briefe an wissenschaftliche Institute, denen er zum gleichen Komplex die gleichen Fragen stellt. Sicher ist sicher.
Die Wand hinter seinem Rücken hat die gleichen einfachen, weißen Stahlregale, die das Büro rundherum eingattern. Ordner, Reihe um Reihe, die wie apes hier penetrant ordentlich beschriftet sind, mit A-B-C-Markierungen, mit Themencodes, mit Daten in unterschiedlichen Farbgruppen, sie erleichtern auf einen Blick den schnellen gebietsweisen Zugriff.
Am 1. 8. 1975 standen 85 Ordner in diesen Regalen. Sie wurden seit dem 17. Juli nicht berührt, denn da brach der Hausherr zu einer Wüstenexpedition auf, die in Kaschmir begann und die ihn in zwei Keilen nach Indien, dann nach Belutschistan, durch den Iran, den Irak, durch die Türkei und Griechenland und Jugoslawien zurück in die Schweiz führt. Weihnachten will er zu Haus sein. Da er alle Termine hält, wird er auch diesen halten.
Inzwischen wird im Kellerbüro tagsüber gearbeiet: Frau Grossmann schreibt die Tonbänder ab, die Däniken, wo er unterwegs einen Briefkasten auftreibt, vor Ort bespricht, und in vorbereiteten festen Kuverts Expreß nach Bonstetten schickt. Wenn er dann ankommt, wiederholt sich, was ich nicht begreife: ohne sich auszuruhen, ohne sich in die MEZ wieder einzupendeln, arbeitet er weiter. Hans Selye, der amerikanische Arzt österreichischer Herkunft, der den Begriff "Streß" samt den dazugehörigen wissenschaftlichen Motivierungen in die Medizin einführte, schrieb mal, daß Streß nicht nur eine Gefahrensituation beschreibe, sondern daß es auch Menschen gäbe, für die Streß ein notwendiger Dauerzustand wäre. So ein Mensch muß Däniken sein.
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